Degem - Deutsche Gesellschaft für elektroakustische Musik e.V.

KÖLN - NO-MUSIC-DAY sprechbohrer

Von: Harald Muenz Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
sprechbohrer
phonetisch-musikalisches SprachKunstTrio
Sigrid Sachse • Harald Muenz • Georg Sachse
www.sprechbohrer.de
No-Music-Day 2009
Kunst-Station Sankt Peter Köln, Leonhard-Tietz-Straße 6, 50676 Köln

Freitag, 20. November 2009, 23.00-23.59
DECRESCENDO
Georg Sachse (*1962): in dubio (2009, UA)
Sigrid Sachse (*1968): ZU-VO-EL (2007)
Peter Behrendsen (*1943): Atem des Windes (1999-2007)
Harald Muenz (*1965): de[ux]ChiffrAGE (1993/2004)
Stefan Streich (*1961): Nr. 1 aus 15 Gesänge (1999/2004)
John Cage (1912-92): 4'33 (1952)

Samstag, 21. November 2009, 0.00-23.59
INTERVAL: NO MUSIC DAY <<

Sonntag, 22. November 2009, 0.00-1.00
CRESCENDO
John Cage: 4'33
Stefan Streich: Nr. 1 aus 15 Gesänge
Harald Muenz: de[ux]ChiffrAGE
Peter Behrendsen: Atem des Windes
Sigrid Sachse: ZU-VO-EL
Georg Sachse: in dubio

sprechbohrer
Sigrid Sachse – Harald Muenz – Georg Sachse, phonetische Stimmen
www.sprechbohrer.de
Das Konzert wird ermöglicht durch
No Music Day    Decrescendo – Interval – Crescendo
Der No Music Day, der alljährlich am 21. November begangen wird
 www.nomusicday.com , wird in unserem Projekt zum Anlass genommen, um das
Verschwinden von Ruhezonen und Ruhezeiten erlebbar zu machen. An diesem Tag
wird in der Kunst-Station Sankt Peter keine Musik erklingen. Wir gestalten
den 21. November als großes akustisches Triptychon. Dessen Mitteltafel wird
eine 24stündige „Konzertpause“ am 21. November sein, die von zwei
Aufführungsblöcken der sprechbohrer (Sigrid Sachse – Harald Muenz – Georg
Sachse) markiert und beflügelt wird. Konzert Eins am 20.11. von 23.00-24:00
Uhr ist als Decrescendo angelegt und leitet von Musikalischen Klängen über
sprachmusikalische Experimente allmählich in Stille über, Konzert Zwei am
22.11. von 0:00 bis 1:00 Uhr verfolgt als Crescendo den umgekehrten Weg.
Aufbauend auf der „Linzer Charta“ vom September 2008
http://www.hoerstadt.at/linzer_charta/dokument.html
, die akustisch
bewusstes Handeln als Lebensqualität definiert, möchte das Projekt
„Decrescendo – Interval – Cresendo“ auch ein Zeichen gegen Zwangsbeschallung
setzen. Beschallung ist keine Selbstverständlichkeit, und niemand hat das
Recht, irgend jemanden anderen mit Hintergrundmusik zu „beglücken“.
Zuallererst macht Dauerbeschallung nachweislich krank. Sie trägt zur
Reizüberflutung bei und kann – zumal bei Kindern – Konzentrationsschwächen
und Hyperaktivität verursachen; außerdem begünstigt sie das Entstehen von
Gehörschäden. Darüber hinaus ist Zwangsbeschallung gewaltsame Bevormundung,
grundsätzlich wie geschmacklich. Wird Musik gar bewusst zur Manipulation
eingesetzt, stellt das einen klaren Eingriff in unsere körperliche
Souveränität dar.
Da wir das Gehör nicht ausschalten können, tritt alles, was wir damit
wahrnehmen, in unseren akustischen Raum ein. Dieser akustische Raum ist
jedoch flexibel und kann gestaltet, gehegt und entwickelt werden. Die
Kunst-Station Sankt Peter als Sakralraum neuer Art unterstützt dieses
Konzept in besonderer Weise: Der Kirchenraum ist bewusst karg und leer
gehalten. Unabhängig von der eigenen geistigen Verankerung ermöglicht er es,
Räumlichkeit und Stille zu erleben. Zu den physikalisch und akustisch
manifesten können noch andere Räume treten: etwa diejenigen von Vorstellung
und Bewusstsein, sakraler oder künstlerischer Raum. Zwischen ihnen und in
ihnen liegt die Stille, die Leere. Sie regt zur Auseinandersetzung an: was
hier fehlt, muss selbst einge-räumt werden. Dies bedeutet nach den Worten
Friedhelm Mennekes’ „eine große Freiheit, um Erfahrungen zu ordnen und am
Ende selbst-entfaltend zu wohnen“.

John Cage (1912-1992)
4’33 (1952)
Von John Cage selbst als das wichtigste Stück überhaupt bezeichnet, stellt
4’33, 1952 durch David Tudor uraufgeführt, einen Meilenstein bezüglich der
musikalischen Wahrnehmung dar. Während die Interpreten für die Dauer von 4
Minuten und 33 Sekunden (aufgeteilt in drei Sätze) schlicht schweigen, ist
eine ganz andere, vielleicht die eigentliche Musik zu hören, bestehend aus
Umweltgeräuschen oder auch (unfreiwilligen?) Geräuschen des Publikums. Ziel
dieser sehr extremen Auffassung von Musik ist dabei weniger die Provokation
als vielmehr die Wahrnehmung der akustischen Umwelt als gänzlich
absichtslose Zufallsklänge, eine Idee der „Fülle in der Leere“, die in der
Weite des sakralen Raumes von Sankt Peter eine ganz besondere Wirkung
entfalten kann.
Die historische Bedeutung dieser viereinhalb Minuten (…) läßt sich
schwerlich ermessen; sie bildeten einen Ausgangspunkt für die
avantgardistische Environment-Kunst im Bereich der ‚Musik’ und haben die
Vorstellung davon, was gegenwärtig überhaupt zur Musik gehören könne, stark
verändert (Hermann Danuser, Amerikanische Musik seit Charles Ives, 1993, S.106).
Stefan Streich (*1961)    Gesang Nr. 1 aus 15 Gesänge (1999)
Version für 3 Stimmen (2004)
Die 8 Worte eines Gesangs sind von oben nach unten den entsprechenden Zeilen
der Partitur von Einsatzzeitpunkten zugeordnet:
1. Wort 7 mal alle 5’’
2. Wort 4 mal alle 10’’
3. Wort 3 mal alle 15’’
usw.
Die Artikulation ist ein deutliches Flüstern.
Die Ausführung ist sehr gerade, aber sanft und beseelt.
15 Gesänge können einzeln oder nacheinander aufgeführt werden.
Ein Gesang dauert genau 11 Minuten und entstand im Winter 1999 für Stephanie
Hecht.

Harald Muenz (*1965)    de[ux]ChiffrAGE (1993; 2004)
für blattlesenden Sprecher und zufallsgesteuerten Live-Transformator
Während einer Aufführung von deChiffrAGE transformiert ein Laptop einen
eingegebenen Text nach verschiedenen Zufallsverfahren: er dreht Wörter um
oder schüttelt ihre Buchstaben durcheinander, mischt dann Silben des
Originaltexts hinzu, bis letztere allein übrigbleiben, erstellt später aus
diesem Silbensalat eigene Konglomerate, und schließlich treten immer mehr
"sinnvolle" Wörter hinzu, die im Weiteren zu "Sätzen" zusammengestellt
werden. In der finalen Phase von deChiffrAGE wird ein kurzer Ausschnitt des
zugrundeliegenden Originals, begonnen an beliebiger Stelle mitten im Satz,
"zitiert"; zwischen den einzelnen Wörtern klaffen jedoch lange Pausen, die
das Verständnis erneut von der endlich erreichten Semantik weglenken. Das
(vor einer Aufführung veränderbare) Zeitraster von deChiffrAGE bestimmt die
Übergänge von einer Materialsituation zur nächsten, die Pausenlängen, sowie
das Ende der Aufführung; die konkreten Inhalte kreiert der Computer jeweils
in Echtzeit neu. Der Sprecher liest (und damit: interpretiert) den auf dem
Bildschirm in Satzportionen erscheinenden modifizierten Text spontan vom
Blatt. Hat er das aktuelle Partikel beendet, drückt er eine Taste und der
Bildschirm bleibt für eine bestimmte Zeit dunkel, bis neuer Text erscheint.
Wechselnde Groß- und Kleinbuchstaben, sowie Satzzeichen geben zusätzliche
Interpretationshinweise; von zentraler Bedeutung ist die Unmittelbarkeit des
Vortrags, die durch Assoziationen, (Fremd-)Sprach- und Leseerfahrung des
Sprechers beeinflußt wird.
deChiffrAGE, meine erste Algorithmische Komposition, zeigt bereits meine
hartnäckige Weigerung, so zu tun, als sei der Computer eine Art
Riesenspieldose, die wie ein (traditionelles) Instrument eingesetzt werden
oder gar "neue, frische" Klänge erzeugen könne. Er ist und bleibt stets eine
Rechen-Maschine. de[ux]ChiffrAGE ist die langgehegte Version von deChiffrAGE
für zwei Sprecher.

Peter Behrendsen (*1943)
Atem des Windes (1999-2007)
4. Fassung für die sprechbohrer
Atem des Windes ist eine SprachKlang-Komposition über das Thema Wind, zu der
der gleichnamige taoistische Text des chinesischen Philosophen Dschuang Tse
(ca. 365–290 v. Chr.) den Anstoß gab. Ausschließliches Material des Stückes
sind 300 Namen regionaler Winde in vielen Weltsprachen,  die von dem
Meteorologen Malte Nauper gesammelt und im Internet veröffentlicht wurden
http://www.mondorf-wetter.de/regiowind/winde01.htm
Die aufgeführte 4. Fassung für die sprechbohrer wurde von Grund auf neu
erarbeitet: 3oo Namen der regionalen Winde wurden zunächst von allen drei
Mitgliedern des Ensembles sprechbohrer gesprochen/aufgenommen und
anschließend mit dem auf der Granular-Synthese basierenden Computer-Programm
„RePlayer Player“ des österreichischen Komponisten Karlheinz Essl
bearbeitet. Diese zweite Material-Generation wurde in einer Playback-Version
komponiert, die während der Aufführung zugespielt wird. Die Reihenfolge der
verarbeiteten Namen folgt der West-Ost-Richtung einer Erdumrundung. Die
unterschiedliche Dichte des Zuspiels entspricht insofern der ursprünglichen
Namensammlung,  als diese einen eurozentristischen Fokus hat, so werden für
Europa weit mehr Namen als etwa für Asien und Amerika aufgeführt; auch bei
den weiten Meeresflächen des Atlantiks und des Pazifiks ist die Dichte
geringer.
Während der Aufführung bewegen sich zwei Sprecher kreisförmig um das
Publikum herum: der eine im Uhrzeigersinn >Ost/West/Ost<, der andere gegen
den Uhrzeigersinn >West/Ost/West<, auch ihr Textmaterial ist diesem Weg
entsprechend arrangiert. Einer dritten Sprecherpartie  sind Zitate des
deutschen Politikers, Juristen, Naturwissenschaftlers, und Erfinders Otto
von Guericke (1602-1668) aus dessen 1663 erschienener Schrift Neue
Magdeburger Versuche über die Leere im Raum zugewiesen, die sich mit dem
Luftdruck beschäftigt.
Ein neues Stück über ein altes Thema, eine Paraphrase über den Wind, in der
„Wind“ als  gesprochenes und vervielfältigtes Wort einziges Material ist –
keine Vertonung sondern eine Art konkreter Klang-Poesie.

Sigrid Sachse (*1968)    ZU-VO-EL (2007)
Im Gegensatz zu Olivier Messiaen, der von ornithologisch exakt notiertem
Vogelgesang ausging und diesen zu seinem style oiseau (Vogelstimmenstil) für
unterschiedliche Instrumente verarbeitete, habe ich mich von den
lateinischen Namen von Zugvögeln, die vornehmlich in Afrika überwintern,
inspirieren lassen. Losgelöste, ausgewählte Silben werden zu einzelnen
charakteristischen „Phantasie-Vogelrufen“.
Jede der drei Stimmen arbeitet dabei pro Ruf mit bis zu drei Stimmtonhöhen,
die teilweise mit Glissando-Effekten verbunden sind. Aus Einzelrufen werden
Kulminationsstellen, bis schließlich vollständige Vogelnamen auf einer
Tonhöhe gerufen werden, gleichsam als letzte Aufrufe zum Weiterflug.

Georg Sachse (*1962)    in dubio (2009, UA)
Elektronische Musik mit Stimmen
In meiner Komposition in dubio kombiniere ich erstmals die Stimmen der
sprechbohrer mit Zuspielungen elektronischer Musik. Über einem
changierenden, von fünf Synthesizern erzeugten Bordun-Klang erklingen 15
Kinderstimmen (des Jugendchors conTakt aus Köln), deren Part sich von
gesungenen Vokalen über lang ausgehaltenen, stimmhaften und stimmlosen
Konsonanten bis hin zu Atemgeräuschen entwickelt. Im Mittelteil treten die
sprechbohrer als live agierende Kommentatoren hinzu: aus einzelnen Silben
entstehen Wörter, Wortgruppen, Satzteile und schließlich komplette
Sprichworte und Zitate zum Thema „Zweifel“.
Im dritten Teil der Komposition sind die Stimmen des Jugendchors mit
(gesprochenen) Alltagsfloskeln zu hören. Auch diese sind wiederum einer
Entwicklung unterworfen. Von einer dichten Wolke aus Stimmengewirr gehen sie
allmählich über zu einzelnen, zunehmend verständlicheren Äußerungen bei
gleichzeitigem Verlust der Sicherheit: Anfänglich noch auftretende
felsenfeste Floskeln („nie im Leben!“, „selbstverständlich!“, „absolut
nicht!“) verschwinden nach und nach, bis zuletzt nur noch Äußerungen des
Zweifelns übrig bleiben („ich weiß auch nicht“, „findest du?“, „ich bin mir
nicht sicher“).
Mein herzlicher Dank für Mitarbeit, Begeisterungsfähigkeit und Musikalität
an Alexandra, Anna, Johannes, Julia, Katharina, Laurin, Lukas, Mara, Melina,
Mina, Natalie, Saskia, Sebastian, Sina und Zoé.

0 Kommentare