Degem - Deutsche Gesellschaft für elektroakustische Musik e.V.

[ 05. Januar 2010 ]

BERLIN - Klangfarben und Lichtmusik, 8.+9.Januar, Konzerthaus Berlin

Von: Markus Schwind Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

ascolta startet ins musikalische Jahr 2010 mit zwei Aufführungen seines Filmprojekts im Konzerthaus Berlin am 8. und 9. Januar.
Im Zentrum des Abends steht die Uraufführung von Iris ter Schiphorsts Musik zum Stummfilmklassiker "Un Chien Andalou" von Luis Bunuel und Salvatore Dali, ein Kompositionsauftrag vom Konzerthaus Berlin und dem Ensemble ascolta.

Klangfarben und Lichtmusik
FR 08.01., SA 09.01.10 | 20.00 Uhr | Konzerthaus Berlin, Werner-Otto-Saal

ensemble ascolta
Titus Engel

Programm:

"Entr'acte"
Film: René Clair (1924),
Musik: Martin Smolka (2008)

"Vormittagsspuk"
Film: Hans Richter (1928),
Musik: Carola Bauckholt (2008)

"Lichtspiel op. 1"
Film: Walter Ruttmann (1921),
Musik: Oliver Frick (2006)

"Un chien andalou"
Film: Luis Bunuel, Salvador Dali (1929),
Musik: Iris ter Schiphorst (2009, UA)

"Lichtspiel op. 1"
Film: Walter Ruttmann (1921),
Musik: Friedrich Schenker (2008)

"Vormittagsspuk"
Film: Hans Richter (1928),
Musik: Martin Smolka (2008)

"Entr'acte"
Film: René Clair (1924),
Musik: Erik Satie (1924)

Tickets zu 15 € (ermäßigt 10 €) unter (030) 203092101 oder
http://www.konzerthaus.de
und natürlich an den Kassen.

Wir freuen uns auf Ihr/Euer Kommen!
Herzliche Grüiße
Markus Schwind und ascolta


Klangfarben und Lichtmusik - Stummfilme mit Livemusik
Vorhang auf: ein Abend der Stummfilme aus den zwanziger Jahren mit Livemusik, ein Abend, an dem die (vermeintliche) Ordnung der Dinge und Tatsachen außer Kraft gesetzt wird - zumindest für kurze Zeit.
Vorhang zu: "Relâche" (zu Deutsch "Geschlossen") steht 1924 an allen Pariser Theatern. Ein Generalstreik der Bühnenarbeiter? Mitnichten. Plakate werben für das gleichnamige Ballett von Francis Picabia, für das René Clair einen filmischen Zwischenakt drehte. Dieses provozierende Kurzstück ist nicht nur in seiner grotesken Form ein Sinnbild des Dadaismus. Es nimmt auch heute gängige Techniken wie Montage, Überlagerung und Auflösung des strikt Erzählerischen vorweg. "Entr'acte" eröffnet den Stummfilmabend "Klangfarben und Lichtmusik" mit Musik von Erik Satie und zeitgenössischen Komponisten.
"Rebellion der Objekte, der Hüte, Tassen, Krawatten, Schläuche etc. gegen den Menschen": So beschrieb Hans Richter seinen "Vormittagsspuk". Der 1888 in Berlin geborene (Film-)Künstler wollte beim Publikum für einen kurzweiligen Zweifel an der Allgültigkeit der gewöhnlichen Subjekt/Objekt-Ordnung sorgen - was ihm mit dieser dadaistischen Komödie auch gelang.
Ein "optischer Rhythmus" schwebte Richter vor, während der Regisseur Walter Ruttmann seinen Ansatz als "Malerei mit Zeit" beschrieb. Diese Analogien zu Musik und Darstellender Kunst brachte den Absoluten Film hervor. Als eines der herausragenden und ersten Beispiele gilt "Lichtspiel op. 1". Ruttmann hegte eine Vorstellung von künstlerischer Abbildung und Dynamisierung, die sich vollständig von der narrativen Struktur loslöste. Er sah den Film als eine neue Kunstform mit dem Regisseur als neuen Typus, "der etwa in der Mitte von Malerei und Musik steht".
"Un chien andalou" gilt als Speerspitze des Surrealismus und bildet den exakten Mittelpunkt des Programms. Mit einem der gewagtesten und furchtbarsten Schnitte der Filmgeschichte überhaupt hantiert der "Andalusische Hund" wie selbstverständlich mit dem absoluten Irrationalismus. Er sollte als explosive Waffe gegen die Bürgerlichkeit verstanden werden: "Und der kleine Bourgeois sitzt da in seinem Sessel, er hat bezahlt, um abwechselnd rechts und links geohrfeigt zu werden." (André Breton). Der Film wurde zum Erfolg. Die Namen der beiden Filmprovokateure stehen heute in jedem bürgerlichen Kunstbrevier: Luis Bunuel und Salvador Dali­. 1929 legte Bunuel während der Uraufführung abwechselnd Platten mit Tangos und Wagners "Tristan" aufs Grammophon. Wir hingegen zeigen den Film mit einer ganz neuen Musik. Iris ter Shiphorst hat einen Soundtrack komponiert, der in unserer Veranstaltung seine Uraufführung erleben wird.
Zurück auf Anfang. Erneut werden die Filme "Lichtspiel", "Vormittagsspuk" und "Entr'acte" gezeigt - diesmal jedoch mit anderer Filmmusik und man darf gespannt sein, wie die jeweils anderen Klänge die Wahrnehmung verändern.
Die meisten Filmmusiken sind sehr jung: Martin Smolka, Carola Baukholt, Oliver Frick und Friedrich Schenker komponierten ihre Filmmusiken in den vergangenen fünf Jahren auf Anregung des Ensembles ascolta, das sein seit 2004 betriebenes Filmmusik-Projekt als work in progress begreift.
Der Vorhang fällt mit "Entr'acte" und Erik Saties "Musique d'ameublement". Auch der Kontext dieses Stückes ist ungewöhnlich, denn ursprünglich sollte der Film als eine Art Hintergrundkulisse laufen, während an verschiedenen Stellen im Foyer "Musique d'ameublement" gespielt wurde. Möbelmusik, Pausenmusik, heute würde man Ambient oder Chillout dazu sagen. Pause für ein Schwätzchen und ein Kaltgetränk. Doch das Publikum war so fasziniert von dem Film, dass es fortwährend auf die Leinwand starrte, was den hochmotivierten Picabia wütend machte und er ins Publikum rief: "Redet doch, redet, redet!"
Der Abend endete im Tumult.

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