Degem - Deutsche Gesellschaft für elektroakustische Musik e.V.

[ 24. Januar 2010 ]

KÖLN - 20. Februar 2010, sprechbohrer: weltweit erste integrale Gesamtrealisation von Hans G Helms' "Fa:m’ Ahniesgwow"

Von:     Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

From: Harald Muenz Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
sprechbohrer
phonetisch-musikalisches SprachKunstTrio
Sigrid Sachse • Harald Muenz • Georg Sachse
www.sprechbohrer.de    
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Erste integrale Gesamtrealisation von Hans G Helms: Fa:m’ Ahniesgwow

Hintergrund

Bei Hans G Helms’ Fa:m’ Ahniesgwow (1959) handelt es sich um ein  
legendär gewordenes Buch, das sich im Grenzbereich zwischen Literatur  
und musikalischer Komposition bewegt.
Im Rahmen der Arbeit an diesem Werk stand Helms in intensivem  
Austausch mit der damaligen Kölner Komponisten-, Musik- und Kunstszene.
Nach eigenen Äußerungen plante er auch Programme für Mary  
Bauermeisters legendäre Atelierveranstaltungen; sein  
transdisziplinärer Ansatz führte hier Musiker, Literaten und bildende  
Künstler (wie Wolf Vostell oder Nam June Paik) zusammen. Er  
frequentierte regelmäßig das Elektronische Studio des WDR – damals ein  
wichtiger Kristallisationspunkt der Kölner Komponisten – und war mit  
Karlheinz Stockhausen, Gottfried Michael Koenig, Heinz-Klaus Metzger  
und Franco Evangelisti befreundet. Ferner existierte ein „Lesezirkel“,  
zu dem nach Helms‘ eigenem Bekunden auch Mauricio Kagel und György  
Ligeti gehörten; die Beteiligten trafen sich häufig zur gemeinsamen  
und polyglotten Lektüre von James Joyces Finnegan’s Wake. Dieser  
avantgardistische Text muß sicherlich als eine bedeutende  
Inspirationsquelle für das Helms‘sche Fa:m’ Ahniesgwow gesehen werden.
Am 16. Januar 1959 las der Autor erstmals in Jean-Pierre Wilhelms  
Düsseldorfer „Galerie 22“ einige Passagen aus seinem fertigen Werk.  
Der Erstdruck erschien 1960 im Kölner DuMont-Verlag.

Werner Klüppelholz bescheinigte Fa:m’ Ahniesgwow „eine legendäre wie  
apokryphe Existenz: so häufig es zitiert wird, wenn es um neue  
Vokalmusik geht, so wenig wurde es gelesen.“

Ebenso überfällig wie die Wiederauflage des Buches ist daher die erste  
Veröffentlichung einer klingenden Gesamteinspielung des Werks.

Bezug zum Werk und dessen Autor

Das SprachKunstTrio sprechbohrer (Sigrid Sachse, Harald Muenz, Georg  
Sachse) gründete sich 2004, um gemeinsam aus musikalischer Perspektive  
an Sprechkunst zu arbeiten. Alle drei Beteiligten hatten schon früher  
mit der - längst ausstehenden - Gesamtrealisation des Helmsschen Opus  
geliebäugelt. sprechbohrer-Ensemblemitglied Harald Muenz kennt Hans G  
Helms seit 1999 persönlich, als er den damals noch in Köln lebenden  
Autor als Referenten zur ersten integralen Aufführung aller Werke  
Franco Evangelistis ins Istituto Italiano di Cultura Colonia einlud.  
Durch diesen Kontakt mit dem Autor, konnten die sprechbohrer in  
Abstimmung mit Helms an Fa:m’ Ahniesgwow arbeiten und unsere  
Interpretation in kritischer Diskussion mit dem Autor selbst  
weiterentwickeln. Helms hat die Aufführungen seines Werkes durch die  
sprechbohrer mehrfach gehört und zieht Mitschnitte der sprechbohrer  
heran, wenn er Vorträge über Fa:m’ Ahniesgwow hält. Auf seine  
Einladung hin haben wir sprechbohrer bei einem Hans-G-Helms-Tag an der  
Berliner Humboldt-Universität im Juni 2007 unsere Arbeit an Fa:m’  
Ahniesgwow dem Publikum erläutert und demonstriert. Auch unsere  
Realisierung der achtschichtigen Struktur I/1 wurde von Helms selbst  
dort wieder ausgesprochen enthusiastisch aufgenommen.

Ansatz der sprechbohrer

Am Anfang der Arbeit stand die klare Erkenntnis, daß man diesem  
avantgardistischen Werk nicht mit den Mitteln einer traditionellen  
Literaturlesung beikommen kann. Das Werk läßt sich eben nicht „einfach  
so ablesen“, wie man das von traditioneller Literatur erwartet.
Das ist einerseits seinen ungewöhnlichen Wort- und Satzstrukturen  
geschuldet, die in der Tradition der Portemanteautechnik wurzeln.
Andererseits nähert sich die räumlich-graphische Anordnung des Textes  
eher einer Partitur als konventioneller Literatur an: Das erste  
Kapitel etwa ist in acht übereinanderliegenden Schichten notiert,  
deren Realisation aufwendig eingerichtet und erarbeitet werden muß.  
Von der achtschichtigen Struktur I/1 haben wir eine eigenständige  
Fassung erarbeitet, die von der beim WDR produzierten Version mit dem  
Autor unabhängig ist
.
Die komplexe Struktur IV ist im Druckbild sowohl horizontal als auch  
vertikal lesbar; auch sie sperrt sich damit einer einfachen 1:1-
Realisierung. Nach Helms’ eigenem Bekunden haben sich weder er selbst  
noch andere Interpreten jemals an der Umsetzung der komplexen IV.  
Struktur versucht. Der Erstling der sprechbohrer war daher  
konsequenterweise die Einstudierung und Uraufführung
[sic!] dieses vielschichtigen Kapitels. Seiner ersten öffentlichen  
Aufführung gingen arbeitsintensive, mehrmonatige gemeinsame  
Probenphasen der sprechbohrer voraus. Wir haben gerade diese Struktur  
des Werkes auch häufig in Konzerten aufgeführt.

Die erste Gesamtrealisierung

Im Juni 2009 haben die sprechbohrer für den Hessischen Rundfunk  
(Redaktion Neue Musik: Stefan Fricke) die erste integrale  
Gesamteinspielung des Stückes realisiert (Spieldauer 90 Minuten).

Eine CD Produktion des Werkes mit den lag aus ganz unterschiedlichen  
Gründen nahe: Helms’ eigene historische Fassung für das Studio  
Akustische Kunst des WDR umfaßt bei weitem nicht das komplette Buch,
zumal dieses in wichtigen Teilen eben auch nur mehrstimmig zu  
realisieren ist.

Alle Triomitglieder der sprechbohrer sind ausgewiesene Musiker: Harald  
Muenz kann in die Fassungen der sprechbohrer seine Expertise als  
Komponist mit ästhetischer Verortung in der Traditionslinie der  
musikalischen Avantgarde einbringen. Georg Sachse ist vielseitig  
professionell als Musiker und Sprecher tätig und hat seine  
Dissertation über phonetische Aspekte im Werk Steve Reichs  
geschrieben. Er trägt seine linguistisch-phonetischen Erfahrungen in  
die Realisationen ein. Sigrid Sachse ist diplomierte Konzertpianistin  
und Kammermusikerin mit umfangreicher Gesangserfahrung und steuert  
diese praktischen Komponenten für die Umsetzung bei.

Die sprechbohrer haben sich seit vielen Jahren kontinuierlich und in  
Rücksprache mit dem Autor mit dem Werk auseinandergesetzt. Durch die  
direkte Zusammenarbeit mit Helms ist ein Mindestmaß an  
interpretatorischer Authentizität gesichert.
Helms hat die Aufnahme der sprechbohrer autorisiert.

Die Erstsendung der Rundfunkproduktion lief am 30.8.2009 auf hr2-Kultur.
Als Label für die CD-Veröffentlichung ist WERGO, Mainz, vorgesehen.

Das Konzert am 20. Februar 2010 in der Alten Feuerwache, Köln, wird  
die erste integrale öffentliche Live-Gesamtaufführung von Helms‘ Werk  
sein.
Kombiniert wird dessen Darbietung mit Werkeinführungen und Musik aus  
dem künstlerischen Umfeld seiner Entstehung:
die Komposition "Essay" von Gottfried Michael Koenig, der als  
Komponist das Nachwort zum Buch verfaßte,
dem Klavierstück V von Karlheinz Stockhausen, "Artikulation" von  
György Ligeti und "Incontri di fasce sonore" von Franco Evangelisti -  
alle drei Komponisten arbeiteten damals im Elektronischen Studio des  
WDR -
sowie "Solo for Piano" von John Cage, der seinerzeit in einer  
spektakulären Kölner Performance von Nam-June Paik shampooniert wurde.

Die Veranstaltung wird ermöglicht durch das "konzert des deutschen  
musikrates / zeitgenössische musik".

sprechbohrer
phonetisch-musikalisches SprachKunstTrio
Sigrid Sachse • Harald Muenz • Georg Sachse
www.sprechbohrer.de    
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.


0 Kommentare