Soundscape-Kompositionen

DEGEM CD 22 (2022) Soundscape-Komposition. Aktuelle Positionen
Kuratorin: Sabine Breitsameter
Grafische Gestaltung: Marc Behrens
Vertrieb: EDITION DEGEM

 

 

Field Recordings und Aufnahmen von Alltagsgeräuschen werden als wesentliches Material für die Soundscape-Komposition angesehen. Dabei ist der Begriff nicht als generische Kategorie für jedweden kompositorischen Ansatz zu verstehen, in dem Originalton verwendet wird. Vielmehr beruht die Soundscape-Komposition auf einem spezifischen Konzept, das prägend für den kompositorischen, formenden Prozess und die künstlerische Aussage einer Produktion ist.

Soundscape (abgeleitet von landscape – Landschaft) ist ein Wort, das sich auf den US-amerikanischen Gestalter, Philosophen und Futuristen Richard Buckminster Fuller zurückführen lässt. Der Begriff beschreibt ein dynamisches Wechselverhältnis zwischen Lebewesen und ihrer akustischen Umwelt: ein System, in welchem alle darin enthaltenen Faktoren eine prägende Kraft aufeinander ausüben, ähnlich dem beziehungsreichen Konzept eines oikos (griechisch: Haushalt). Die Gestalt einer Klanglandschaft, in der die lautlichen Erscheinungen nicht linear und frontal auf die Hörenden einwirken, sondern als Gesamtheit aus allen Richtungen, wurde von dem kanadischen Komponisten und Hörpädagogen R. Murray Schafer zur zentralen Denkfigur seiner Akustischen Ökologie. Diese zielt auf eine Humanisierung der akustischen Umwelt, die gesellschaftlich dergestalt verhandelt und implementiert werden soll, dass der Erhalt von Lebensgrundlagen und Ressourcen Priorität hat. Ent- scheidend dabei ist, für sowohl Buckminster Fuller als auch Schafer, dass sie die Hörenden selbst als dynamische und prägende Faktoren der Klanglandschaft verstehen.

Auf dieser Grundlage zeigt die Soundscape-Komposition künstlerisch (mindestens) zwei verschiedene Richtungen auf: Einerseits verweist sie auf das Untersuchen der dynamischen Beziehungen zwischen Hören, Klangmachen und der anthropologischen Bedeutung des Auditiven in allen nur erdenklichen Situationen. Anderseits verweist sie auf eine kritische Auseinandersetzung mit gegebenen, imaginären oder utopischen Soundscapes in Kunst, Alltag, Natur und Medien. – Auf dieser gedanklichen Grundlage hat sich die Soundscape-Komposition bisher entwickelt. Dabei bewegt sich das Genre überwiegend im Spannungsfeld zwischen den vier Eckpunkten „akustische Doku- mentation“, „naturromantische Klangästhetik“, „elektroakustische Abstraktion“ und „ökologischer Aktivismus“.

Der Auswahl für die vorliegende DEGEM CD 22 liegen die folgenden kuratorischen Fragen zugrunde:
⁎ Wo und wie positionieren sich Soundscape-Komponist*innen heute künstlerisch, sowohl innerhalb des beschriebenen Spannungsfelds als auch außerhalb?
⁎ Wie engagiert und explizit äußern sich Soundscape-Kompositionen angesichts der brennenden Debatten um Klimawandel, Ressourcenknappheit und angesichts eines wachsenden teilhabeorientierten sozialen Bewusstseins? Worin drückt sich derartiges kompositorisches Engagement aus?
⁎ Inwiefern und wie gelingt es Künstler*innen jenseits von plakativem Aktivismus mit den Mitteln und Materialien der Soundscape-Komposition zu kompositorischen Ergebnissen zu gelangen, die implizit getragen sind von Engagement, Umsicht und Sorge, etwa im Sinne einer „aesthetics of care“, wie neuerdings von der Philosophin Yuriko Saito vorgeschlagen?
⁎ Welche andersartigen, vielleicht neuen Konzepte erwachsen für das Genre der Soundscape-Komposition aus der Anwendung innovativer digitaler Technologien?

Sabine Breitsameter

DOWNLOAD BOOKLET

01 Hildegard Westerkamp The Soundscape Speaks – A Remix
02 Christian M. Fischer Kaleidoscuo
03 Sabine Schäfer Bats’n’Insects
04 Ludger Kisters Cranes
05 Manuela Meier Elementary Structures
06 Jan Jacob Hofmann Vatnajökull
07 Javier Alejandro Garavaglia Befremdliche Landschaften
08 Roland Breitenfeld Le Pin Sec – WoodHouse

Gesamtspielzeit: 65:56 min

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