[ 5. Oktober 2012 ]

REZENSION – DEGEM CD 10 „Replace“

Von: „Till Kniola“
Betreff: AW: EDITION DEGEM | „Info“-Seite
Datum: 3. Oktober 2012 18:47:05 MESZ

Replace

Stücke von Denise Ritter, Nicolas Wiese, Matthias Ockert, Marcus Beuter, Nikolaus Heyduck, Sam Auinger, Bernd Leukert, Sciss, Jan Jacob Hofmann, Frank Niehusmann, Michael Harenberg, Kirsten Reese, Ludger Kisters und SA/JO

Verlag/Label: DEGEM CD 10
Rubrik: CDs
erschienen in: Neue Zeitschrift für Musik 05/2012, Seite 87

Wie viel utopisches Potenzial in elektronischer, in elektroakustischer Musik oder in der Musique concrète geborgen liegt, ist eine Frage, die man wohl am besten so beantwortet wie Frank Niehusmann. Denn er rennt erst gar nicht der Schimäre nach, es gäbe die musikalische Utopie, also etwas wie den Idealzustand von Musik. Wozu auch?
Zu seinem fünf Minuten dauernden Hörstück uData auf der vorliegenden CD schreibt Niehusmann daher: «Ist es überhaupt notwendig, die Art und Weise der Ausübung von Musik als Utopie oder Dystopie zu formulieren? Stehen nicht die Geschichten, die erzählt werden, im Vordergrund?» Man mag ihm gerne zustimmen in Anbetracht des intellektuellen Eiertanzes im Miniaturformat, der im Booklettext um den Begriff der künstlerischen Utopie aufgeführt wird, um schließlich – mit einigem Ächzen im argumentativen Gebälk – zum Begriff der politischen Utopie zu gelangen, der wiederum in einigen der vierzehn Hörstücke, Kompositionen, Soundcollagen mit den unterschiedlichsten, wohl musikalisch zu nennenden Mitteln untersucht respektive verhandelt wird.
Frank Niehusmann nun lässt in seinem Stück die Worte «search, scan, read, format, upload, execute, update, evaluate, delete (for escape)» skandieren und bettet sie ein in ihr klanglich strukturiertes Ab- und Gegenbild. Man muss das nicht als die «transhumanistische Version der Mär vom ewigen Le­ben» lesen, wie Niehusmann ironisch überspitzt diese kompositorische Arbeit beschreibt. Man kann es einfach als Sound-Shortstory lesen, gefertigt mit spielerischem Ernst und gutem Gespür dafür, wie lange das musikalische Material trägt.
Durchaus heiter-ironisch auch das Stück Rheinharfe von Sam Auinger. Mit einer Wasserharfe porträtiert Auinger das Fließen und Strömen des Rheins, rückt mit dieser klanglichen Transformation von natürlichen Sounds die Paradoxa in den Fokus, dass der Fluss und sein Klang niemals gleich und doch immer dieselben sind. Dass Auinger nebenbei mit der Allusion an das Vorspiel zu Richard Wagners Rheingold noch eine ironische Volte implantiert, ist im besten Sinne gewitzt und nicht so gewollt bedeutungsschwer wie einiges andere, das auf dieser CD zu finden ist.
Denn liest man nicht, was sich manch eine Komponistin, manch ein Komponist gedacht hat, bevor ans musikalische Werk gegangen wurde, liest man also nicht, bevor man hört, dann wird man wohl nicht das hören, was man hören soll. So beschleicht einen bisweilen der Gedanke, es mit klanglicher Bebilderung, mit klanglicher Möblierung philosophischer Überlegungen wozu auch immer zu tun zu haben. Zu den wenigen Ausnahmen neben den Stücken von Niehusmann und Auinger zählen Kirsten Reeses Kurzes Hörstück über das Ende des Kapitalismus und «MikroklangMilieu BLAU» aus MicroSonical Shining Biospheres No. 1 von SA/JO.

Annette Eckerle

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