DEGEM Journal

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[ 3. Mai 2015 ]

Kongressbericht Csound Conference Boston 2013 (Joachim Heintz)

Vom 25. bis 27. Oktober fand am Berklee College of Music in Boston die zweite internationale Csound Konferenz statt. Csound wurde Mitte der 80er Jahre im Media Lab des MIT – ebenfalls in Boston – entwickelt. So kehrte nun diese Konferenz, zwei Jahre nach der ersten internationalen Csound Konferenz 2011 an der HMTM Hannover, zum Ort ihrer Entstehung zurück.

Diese Rückwendung zur Geschichte wurde durch die Ehrengäste verstärkt und in persona präsent. Neben Jean-Claude Risset und John Chowning gelang es dem Veranstalter Richard Boulanger auch, Barry Vercoe, den ursprünglichen Entwickler von Csound, der heute wieder in Neuseeland lebt, nach Boston zu holen. Alle drei hielten am ersten Konferenztag Keynotes, in denen es um die frühe Zeit der Computermusik ging, die hauptsächlich mit dem Namen Max Mathews und dessen „Music N“ Programmen der 60er Jahre verbunden sind. So war denn auch ein „Remembering Max Mathews“ Gesprächskonzert das Zentrum dieses ersten Tages, in dem tatsächlich diese Pionierzeit der Computermusik in ihrem besonderen gesellschaftlichen und persönlichen Umfeld ganz anders plastisch wurde als in schriftlichen Dokumenten. Bezeichnend war eine Anekdote, in der Max Mathews zusammen mit seinem Chef John Pierce in ein Konzert ging (beide arbeiteten bekanntlich für die Bell Laboratories). Es gab ein Stück von Schönberg, das ihnen gut gefiel, und ein Stück von Schnabel, das ihnen gar nicht gefiel. „Das kann ein Computer besser“, sagte Pierce zu Mathews, und gab ihm den Auftrag, sich mit Musik zu beschäftigen, also quasi seinem Hobby nachzugehen. Daraus entstand nicht nur die gesamte Computermusik, sondern auch ein von Bell getragenes Programm, das Gastkomponisten und -forscher wie James Tenney und Jean-Claude Risset beschäftigte. Ich fragte mich beim Hören, ob so etwas in den durchrationalisierten Abläufen heutiger Konzerne noch denkbar wäre.

Im Unterschied zur Konferenz in Hannover, bei der der Schwerpunkt auf der Diskussion innerhalb dieser Open Source Community, insbesondere zwischen Entwicklern und Nutzern, lag, ging es bei der Konferenz in Boston vor allem um ganz viel Musik. Sieben Konzerte in drei Tagen ist eine Menge, und wenn die Beteiligten Musiker und Komponisten auch nicht besonders glücklich über die (nicht vorhandene) Vorbereitungszeit waren, gab es doch eine Menge sehr verschiedener Musik zu hören. Es wurde sehr plastisch, wie verschiedenartig die Musik ist, die man mit Csound machen kann: von Tape bis Live, von subtilen akusmatischen Kompositionen bis zu Dancefloor. In gewisser Weise war der Höhepunkt der Konzerte eine Session, bei der neben Richard Boulanger und seinen Studenten auch Tom und David Zicarelli mitwirkten – letzterer bekanntlich der Eigentümer der Software Max (ebenfalls nach Max Mathews benannt).

Am zweiten Tag gab es eine große Anzahl von Workshops, die etwas unglücklich in sechs Slots parallel liefen. Hier hätte ich mir etwas mehr Fingerspitzengefühl gewünscht, damit es für die Konferenzteilnehmer möglich geworden wäre, mehr von den sehr spannenden Themen mitzubekommen. Leider wurde auch das Versprechen, alle Workshops aufzuzeichnen und später online zu stellen, nicht eingehalten, so dass vieles „für nichts“ war. Die beiden Workshops, die ich besuchen konnte, waren ausgezeichnet vorbereitet und durchgeführt.

Einer davon war Steven Yi’s Einführung in die Csound API. Csound erlebt gerade den Wechsel auf Version 6, der auf einer grundlegenden Neustrukturierung des Quellcodes beruht. So wurden Dinge möglich, die man sich vor ein paar Jahren nicht hätte träumen lassen: die Benutzung von Arrays, die Option zu einer funktionalen Syntax, eine Neukompilation des Codes bei laufender Csound Instanz („Live-Coding“), und eben auch eine Neudefinition der API (der Schnittstelle von Csound zu anderen Programmiersprachen wie C, C++, Python, Lua, Java). Steven Yi’s zweiteiliger Workshop war nicht nur super informativ und perfekt vorbereitet, ich fand mich auch mal wieder auf der Schulbank vor und merkte, wie es ist, wenn man mit dem Abtippen des Codes nicht hinterherkommt …

Während der zweite Konferenztag also neben der Musik mit vielen parallelen Workshops gefüllt war, brachte der erste und dritte Tag je einen zentralen Vortrag. Es war wiederum Steven Yi als einer von drei Hauptentwicklern, der in einer einstündigen Präsentation zeigte, wie eigentlich die Csound Maschine funktioniert. Eine enorme Arbeit, die alle die würdigen können, die mal einen Blick in den (nicht gerade übersichtlichen) Csound Quellcode geworfen haben. Am dritten Tag hatte Andrés Cabrera die Gelegenheit, sein Programm CsoundQt vorzustellen, das heute die meistverbreitete Oberfläche („Frontend“) zum Lernen und Lehren von Csound ist. Auch dies ein sehr beeindruckender Vortrag, der auf große Resonanz stieß und in eine lebhafte Fragerunde mündete.

War der erste Tag mit den Keynotes und dem Gedenken an Max Mathews eher der Vergangenheit gewidmet, endete der dritte Tag mit einem Blick in die Zukunft, oder doch jedenfalls auf das, was derzeit in Csound da ist, und was fehlt oder gewünscht wird. War diese Runde auch kurz und ging nicht sehr in die Tiefe, so war dies doch ein gelungener Abschluss der gesamten Konferenz, weil die Punkte benannt und andiskutiert wurden, an denen die Entwicklung derzeit stattfindet – seien es intern-technische oder die Community betreffende Fragen, wie beispielsweise die Webpräsenz.

Insgesamt also eine sehr spannende Konferenz, die mir schon jetzt Lust auf die dritte internationale Csound Konferenz macht. Die ersten beiden hatten ein so unterschiedliches Gesicht, dass ich sehr neugierig bin, wie das nächste sein wird. Ich weiss nicht, ob es an meinem eigenen Engagement in dieser Community liegt, oder an ihrem Charakter, oder daran, dass die Csound Konferenz noch nicht so institutionalisiert ist wie die ICMC oder die SMC, aber ich habe hier stärker als sonst die Freude darüber erlebt, mit anderen zusammenzukommen, sich kennenzulernen und zu diskutieren. Es ist eine große Energie, die daraus entsteht, und man merkt wieder einmal, dass eine Online Community solche persönlichen Begegnungen immer noch braucht und dass sie durch kein skypen oder chatten zu ersetzen sind.

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